PHOENIX-Köln wurde als Selbstorganisation von Migranten gegründet. Das Kompetenzzentrum des Vereins dient der beruflichen Integration von Zugewanderten. Leitmotiv ist es, durch mehr Wissen die Motivation von neu Zugewanderten zu stärken. Aus letztlich diesen beiden Ressourcen erwachsen Teilhabe, Integration und Autonomie. PHOENIX vereint zwei Komponenten unter einem Dach und nutzt sie für seine Arbeit: Die eigene Migrationserfahrung plus eine inzwischen langjährige professionelle Spezialisierung auf verschiedenste Maßnahmen zur beruflichen und sozialen Integration. Mittlerweile zählen Zugewanderte aus über 40 Nationen zu den Kunden, unter ihnen sehr viele Flüchtlinge.

Zahlen und Fakten zur beruflichen Integration

Daten und Fakten zur beruflichen Integration von Geflüchteten

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Die berufliche Integration von Geflüchteten – Erkenntnisse aus 9 Monaten Beratungstätigkeit

EINSTIEG wurde als zentrales erstes Angebot von PHOENIX-Köln entwickelt, das sich direkt an Geflüchtete wendet, die in Deutschland erstmals eine Arbeit suchen. Es interveniert in einer sehr frühen Phase der Suche, bietet Asylberechtigten und –bewerbern eine fundierte berufliche Erstorientierung und schließt mit einer Integrationsvereinbarung ab, in der ein Weg in den Beruf und eine Beschäftigung aufgezeigt wird. Neben der individuellen beruflichen Orientierung vermittelt die Maßnahme grundlegende Kenntnisse über das Leben in Deutschland mit einem Fokus auf Themen der Arbeitswelt. EINSTIEG läuft als kombiniertes Beratungs- und Kursangebot über einen Zeitraum von jeweils 5 Wochen vormittags oder nachmittags.

PHOENIX-Köln e.V. führt die Maßnahme seit April 2016 durch. Ende 2016 hatten 300 Personen die Maßnahme durchlaufen. Auf Grundlage dieser Arbeiten wurden die folgenden Erkenntnisse gewonnen, die durch ausgewählte Fakten illustriert werden.

 

Herkunft und Alter der Geflüchteten

Erkenntnis 1: Die allermeisten Geflüchteten kommen aus Kriegs- und Bürgerkriegsregionen und sind sehr jung.

Die Mehrzahl der Teilnehmenden kommt aus den Bürgerkriegsregionen von Syrien, Irak und Afghanistan sowie aus Ländern wie Iran, Albanien, Tadschikistan, Eritrea und Guinea. Die häufigsten Muttersprachen sind Arabisch und Kurdisch.

Nationalitäten der Teilnehmenden

     

Nationalität

Anzahl Personen

%

syrisch

170

56,7%

irakisch

51

17,0%

afghanisch

25

8,3%

iranisch

17

5,7%

albanisch

6

2,0%

tadschikisch

4

1,3%

eritreisch

3

1,0%

guineisch

3

1,0%

andere

21

7,0

     

Gesamt

300

100%

 

Altersstruktur der Teilnehmenden

 
     

Alter

Anzahl Personen

%

<= 20

26

9

> 20 <= 25

52

17

> 25 <= 30

66

22

> 30 <= 35

53

18

> 35 <= 40

31

10

> 40 <= 50

56

19

> 50

16

5

Gesamt

300

100


Knapp die Hälfte der Kursteilnehmenden ist höchstens 30 Jahre alt. Immerhin fast ein Viertel ist über 40 Jahre.

 

Wirkungsvolle und glaubwürdige Beratung und Information

Erkenntnis 2: Kulturmittler im Team mit Berufsberatern erzielen eine sehr gute Wirkung bei der Information und Beratung der Geflüchteten.

Um eine qualifizierte und wirkungsvolle Beratung von Geflüchteten zu ermöglichen ist der Einsatz von Kulturmittlern ein großer Vorteil. Dadurch können sprachliche und kulturell bedingte Hürden der Verständigung so weit reduziert werden, dass direkte, informative und vertrauensvolle Gespräche über die beruflichen Perspektiven der Geflüchteten möglich werden. Die Kulturmittler müssen mit Arbeits- und Berufsberatern, die auf die Integration von Migranten spezialisiert sind, in einem Team eng zusammenarbeiten. Aus diesem Mix von Qualifikationen, kombiniert mit einem respektvollen gegenseitigen Umgang, können mit den Geflüchteten gemeinsam realistische Integrationswege entwickelt werden.

Die ganz überwiegende Zahl der Geflüchteten fühlt sich am Ende von EINSTIEG gut beraten und orientiert. Sie verlassen die Maßnahme mit einer für sie passenden Perspektive.

 

Berufliche Voraussetzungen und Potenziale

Erkenntnis 3: Die schulische Bildung vieler Geflüchteter ist gering gemessen an hiesigen Gegebenheiten. Deutliche Bildungsanstrengungen werden nötig, um die Chancen auf eine dauerhafte berufliche Integration oder gar Ausbildung zu erhöhen.

Bildungshintergrund der Geflüchteten

     

besuchte Schuljahre

Anzahl Nennungen

%

0 oder keine Angaben

16

5

b)<= 6

56

19

c)> 6 <= 8

32

11

d)> 8 <= 12

188

62

e)> 12

10

3

Gesamt

302

100

     

Mehrfachnennungen möglich bei verschiedenen Bildungsabschlüssen


Bei den schulischen Voraussetzungen der Geflüchteten ergibt sich ein sehr geteiltes Bild. 35% bringen eine nur sehr geringe schulische Erfahrung (höchstens 8 Schuljahre) mit. Knapp 20% sind mit höchstens 6 Schuljahren kaum über die Grundschule hinaus gekommen. Gleichzeitig besuchten aber über 60% eine weiterführende Schule, nicht wenige bis zum Abitur. Berücksichtigt man die Tatsache, dass die Unterrichtsinhalte in den Herkunftsländern nicht mit den hiesigen vergleichbar sind, dann wird das Ausmaß der bestehenden Bildungslücke noch sehr viel deutlicher. Es ist davon auszugehen – und das spiegelt die tagtägliche Beratungspraxis noch überdeutlicher wider – dass enorme Bildungsanstrengungen nötig sein werden, um für diese Gruppen so etwas wir Chancengleichheit zu erreichen.

 

Erkenntnis 4: Die meisten der Geflüchteten verfügen über berufliche Vorerfahrungen.

Berufserfahrungen (in Jahren) je Tätigkeit

     

Dauer eigene Berufserfahrungen

Anzahl Nennungen

%

1 bis 2

131

25

> 2 <= 4

92

18

> 4 <= 6

74

14

> 6 <= 8

41

8

> 8 <= 10

31

6

> 10 <= 15

30

6

> 15

36

7

keine

85

16

Gesamt

520

100


16% der Teilnehmenden waren noch nie berufstätig. Viele berichten von mehr als einem Beruf bzw. mehr als einer Arbeitsstelle. Über die Hälfte aller beruflichen Tätigkeiten in den verschiedensten Bereichen wurden bis zu 6 Jahre lang ausgeübt. Angesichts des jungen Alters der Gruppe verfügen ungewöhnlich viele bereits über eigene Arbeitserfahrungen.

Erkenntnis 5: Die meisten Geflüchteten verfügen über keinerlei berufliche Abschlüsse.

Berufsabschlüsse

   
     

Berufliche Abschlüsse (BA)

Anzahl Nennungen

%

BA nicht vorhanden

173

57

BA vorhanden

80

26

keine Angaben

51

17

Summe

304

100


Trotz verbreiteter beruflicher Vorerfahrungen kann nur für etwa ein Viertel der Tätigkeiten ein beruflicher Abschluss im Sinne einer Ausbildung oder eines Studiums nachgewiesen werden. Hier wird deutlich, dass für viele der Anschluss an hiesige Qualitätsstandards und Erfordernisse an Facharbeiter äußerst problematisch wird. Nach Maßstäben des deutschen Arbeitsmarktes muss man von einer sehr hohen Zahl Un- und Angelernter ausgehen.

 

Die berufliche Zukunft der Geflüchteten

Im Rahmen von EINSTIEG werden auf der Grundlage von Potenzialanalysen und vertieften Beratungsgesprächen Arbeitsmarktziele formuliert und mit den Teilnehmenden vereinbart. Daraus ergibt sich eine Verteilung nach Branchen und Qualifikationen. Bei einigen werden bis zu drei Alternativvorschläge ausgearbeitet, je nach Neigungen, Potenzialen und Interessen. Danach ergibt sich folgendes Bild:

Erkenntnis 6: Für ein Drittel der Geflüchteten bleiben nur niedrigqualifizierte Hilfstätigkeiten als Perspektive auf dem Arbeitsmarkt. Will man diesen Anteil senken, bedarf es spezieller, passgenauer Angebote im Bildungs- und Ausbildungsbereich. Derzeit gibt es diese nicht.

Erkenntnis 7: Ein Drittel hat zumindest das Potenzial für eine Ausbildung bzw. ein Studium. Es sollte sichergestellt werden, dass diese Optionen auch realisiert werden, da es häufig noch ein weiter Weg dorthin über viele Stationen wie Sprachkurse, (Teil-)Anerkennungen von Abschlüssen, Nachqualifizierungen, Bewerbungstrainings usw. ist.

Erkenntnis 8: Ein weiteres Drittel muss versuchen, direkt eine berufliche Tätigkeit anzusteuern, sobald ausreichende Sprachkenntnisse (z.B. b1) als minimale Voraussetzung vorhanden sind. Auch diese Wege sollten möglichst begleitet werden, um sicherzustellen, dass, wo nötig, Zusatzqualifikationen erworben werden oder spezielle, qualitativ gute Sprachkurse tatsächlich belegt werden.

 

Solidarität als gegenseitige Verpflichtung

Eine zentrale Erkenntnis für alle der genannten obigen Gruppen lautet: Um die Wege in Beruf, Arbeit und Ausbildung abzusichern, sollte eine Begleitung der Geflüchteten eingerichtet werden. Dies kann durch Mentoren, Lotsen oder ähnliche Angebote geschehen. Wichtig dabei ist, dass es keine unverbindlichen Beratungsangebote sind und dass sie über einen längeren Zeitraum laufen. Es geht darum, dass durch möglichst enge persönliche Bindungen eine hohe Verbindlichkeit über Absprachen erreicht werden kann.

Ohne ein auch bewusst starkes Engagement von Seiten der Geflüchteten wird die berufliche Integration insgesamt nicht gelingen. Dazu sind die bisherigen Bildungswege und Arbeitswelten in den Heimatländern und in Deutschland für die meisten einfach zu verschieden. Die berufliche Integration ist für viele erst einmal eine vage Chance. Es ist noch längst nicht sicher, ob der eigene Lebensunterhalt davon auf Dauer bestritten werden kann. Eine Voraussetzung dafür ist jedenfalls eine passgenaue weitere Unterstützungsleistung. Dies ist einerseits Ausdruck einer (erneuten) gesellschaftlichen Solidarität mit den Geflüchteten, die hier ihr Leben neu aufbauen wollen. Eine ähnliche Solidarität müssen wir um des Gelingens willen aber jetzt auch von den Geflüchteten erwarten. Ihre Solidarität muss darin bestehen, ihre berufliche Integration mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu betreiben und als absolute Priorität zu behandeln. Dies ist auch eine moralische Verpflichtung und Ausdruck der Loyalität gegenüber der hiesigen Gesellschaft.

PHOENIX-Köln hat daher eine neue Maßnahme EINSTIEGSLOTSE gestartet. Ein Kernelement dabei ist die gegenseitige Solidarität. Nur wenn diese nachweislich gewährleistet ist wird das Lotsenangebot aufrechterhalten und werden dadurch neue, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt für jeden einzelnen entstehen.